Filmfest München blamiert Jodorowsky-Hommage mit Videoschau [Update]

Am 28. Juni 2013 eröffnet mit dem 31. Filmfest München das zweitgrößte deutsche Filmfestival (nach der Berlinale). Auf dem umfangreichen Programm stehen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in internationalen oder deutschen Erstaufführungen, dieses Jahr erweitert um ein Special mit TV-Serien und über Games. Unmut gibt es Vorfeld über die Hommage an den chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky, dessen Werk mit sieben Filmen präsentiert werden soll. Denn statt einer Vorführung von verfügbaren 35mm-Kopien oder digitalen DCPs werden DVD und Blu-rays gezeigt, wie die Kollegen von Critic berichten.

Demnach werden La cravate und Fando y Lis als DVD vorgeführt, Montana Sacra – Der heilige Berg, The Rainbow Thief, Santa Sangre und El Topo kommen von der Blu-ray. Dies bedeutet, dass allein die Dokumentation Jodorowsky’s Dune aus dem Jahr 2013 über Jodorowsky in einem Kinoformat vorliegt. Critic.de hakte nach und erhielt diese offizielle Auskunft der Zuständigen für die Kopienbeschaffung des Festivals: „Wir haben zwei Wochen lang gesucht und keine besseren Kopien in Deutschland gefunden.“ Die am 29. April 2013 versandte Pressemitteilung wirkt da wie ein Hohn. Hier ein Auszug:

Modernste Kino-Technik

Innovationen gibt es 2013 auch im Hintergrund des Festivals. Um den Besuchern in den rund 450 Vorführungen auf 18 Leinwänden optimalen Kinogenuss zu bieten, stellt das FILMFEST MÜNCHEN als erstes großes Festival in Deutschland die digitalen Vorführungen komplett auf den neuen Standard DCP (Digital Cinema Package) um.

Neben den klassischen 35mm-Filmkopien wird es statt einer Vielzahl digitaler Formate nur noch DCP-Vorführungen geben. Sämtliche digital eingereichten Filme werden in Zusammenarbeit mit den Partnern ZweiB, ARRI und Rohde & Schwarz DVS geprüft, gegebenenfalls umgewandelt und zu den Festivalkinos transferiert. „Damit ist das Filmfest München auch in technischer Hinsicht auf dem neuesten Stand“, sagt Festival-Leiterin Diana Iljine.

Es ist verständlich, dass gerade ältere Filme einer Werkschau oder Hommage nicht alle Digital vorliegen. Und es mag auch sein, dass es Schwierigkeiten bereitet, verbleibende 35mm-Kopien aufzutreiben, zumal in einem brauchbaren Zustand, der Kurzfilm La Cravate galt als verschollen und wurde 2006 auf einem Dachboden wiederentdeckt. Doch sollte die Information über das Projektionsmaterial transparent für Ticketkäufer ersichtlich sein. Dies ist bisher nicht der Fall, lediglich im umfangreichen Katalog wird darauf hingewiesen.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass solche Probleme der Vergangenheit angehören, nachdem das gerne gelobte Kino Babylon in Berlin bei einer mit 150.000 Euro subventionierten Charlie Chaplin-Retrospektive ebenfalls Filme von DVD projizierte- und vollmundig von digitalem Kino sprach. In diversen Kino-Vorführräumen steht ein Blu-ray-Player, der Material über den 2K-Beamer schickt. Nur liest man davon nie. Zum Einspielen von privaten Inhalten bei geschlossenen Veranstaltungen ist das völlig in Ordnung, aber im regulären Programm möchte ich wissen, ob ich 2K, 4k, 35 oder 70mm oder eben eine DVD mit PAL-Auflösung zu sehen bekomme. Und erst recht bei einem gut finanzierten Filmfestival mit gewissem Anspruch. Wer in den heutigen Zeiten noch E-Cinema mit D-Cinema verwechselt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Das vorsätzliche Verschweigen wäre ein Betrug am Filmfan. Dass der Ticketpreis von 8,50 € dem Kaufpreis der Blu-ray von z.B. Rainbow Thief von 9,28 € gleichkommt, ist nur das Sahnehäubchen des Problems.

Alejandro Jodorowsky stellt in München zusammen mit dem Regisseur Frank Pavich JODOROWSKY’S DUNE vor, eine Dokumentation auf den Spuren des „größten Films, der nie gedreht wurde.“ Vielleicht erwischt ihn einer der Kollegen beim Q&A, ich bin gespannt, wie er sich dazu äußert.

Weiterlesen:

Frédérick Jaeger auf Critic.deFilmfest München zeigt Filme von DVD

Thomas Groh in seinem Filmtagebuch: AMAZON MACHT’S MÖGLICH: SCHAFFT EIN, ZWEI, VIELE RETROSPEKTIVEN.

Joachim Kurz von Kino-Zeit.de: SKANDAL ODER EXPERTENSTREIT? ZUM ZOFF UM DIE JODOROWSKY-RETROSPEKTIVE BEIM FILMFEST MÜNCHEN

Florian Borchmeyer, Programmverantwortlicher Filmfest München: Pressenotiz

Gerold Marks auf DigitaleLeinwandAntwort vom Filmfest München zur Jodorowsky-Videohommage

Dunja Bialas auf Artechoc: Ende eines Mythos 

 

Plakat 31 Internationales Filmfest München

Bild © Filmfest München · Alle Rechte vorbehalten.

2 Kommentare
    • Gerold Marks
      Gerold Marks says:

      Danke Thomas, liest sich natürlich exzellent. Der Vorteil: nun müssen wir aus diesem Grund nicht zum Filmfest fahren. Für mich fühlt es sich wie eine schnell gestrickte Hommage an, als man die Aufführung von Jodorowsky’s Dune vor Augen hatte.
      Bin sehr gespannt, ob man sich dazu noch offiziell äußern wird.

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