Borat wird zum Potentaten-Spoof DER DIKTATOR – wie man einen Fake etabliert [Anleitung]

Das Kino kennt nur zwei Ebenen: Dokumentarfilme beleuchten die Hintergründe der Realität, Spielfilme bringen fiktionale Handlungen auf die große Leinwand. Doch besonders spannend werden die Grenzüberschreitungen: Mockumentaries, also gefälschte Dokumentationen, und Filme mit angeblich authentischem Found Footage haben Konjunktur. Klassiker wie This is Spinal Tab sind mitunter ein augenzwinkender Spoof auf ein Genre (in diesem Fall Hard Rock), Blair Witch Project gilt als das Paradebeispiel für das LowCost, HighIncome-Kino aufgrund vorgetäuschter Tatsachen. Und dann kam Borat. Ein Name, der Synonym wurde für den politisch unkorrekten Tabubruch, dem auch keine Gürtellinie zu tief hängt. Dahinter verbirgt sich der britische Comedian und Schauspieler Sacha Noam Baron Cohen, der im Gegensatz zu seinen Rollen seine Privatsphäre durchaus zu schützen weiß. Egal ob als Gangsterrapper Ali G., Kasachen-Eisexpress Borat, dem schwulen österreichischem Fashioreporter Brüno- Baron Cohen weiß um die Grenzen des guten Geschmacks, zuckt mit den Schultern und hüpft drüber. Mit seiner aktuellen Rolle als Admiral General Aladeen im Film DER DIKTATOR verlässt er die entlarvende Mockumentary für einen fiktionalen Stoff über einen nordafrikanischen Potentaten, der in seiner Biographie und seinem Handeln nicht nur an die Diktatoren unserer Zeit wie Gaddafi, Hussein oder Jong Il erinnert, sondern zum ultimativen Diktatoren-Spoof erwächst, ein Sammelsurium krankhafter Machtbeweise. Man fragt sich mitunter, ob einer der verbleibenden Diktatoren schon eine personalisierte Bombe als Dankeschön für die Verunglimpfung durch den jüdischen Komiker bereithält (Mugabe hätte mit der weltweiten Trolleinladung letzte Woche durchaus schlechte Laune haben können).

Doch müssen wir nicht auf die Täuschung der Ungläubigen verzichten, Sacha Baron Cohen übernimmt die Verantwortung für das Filmmarketing persönlich. Zum einem mit extremen Kontrollzwang  und Hang zum Perfektionismus, zum anderen durch seine berühmt berüchtigten PR-Stunts. Und für die Werbetrommel des Diktators darf die natürlich als unendlicher Männertraum besonders protzig ausfallen.

Für alle, die sich auch ein Alter Ego, eine zweite Identität oder eine Fake-Persönlichkeit zulegen wollen, habe ich die fünf wichtigsten Punkte zur Etablierung eines Fakes für euch zusammengetragen. Und mit Beispielen des Admiral General unterlegt:

 

Immer in der Rolle bleiben

Die Walt Disney-Vergnügungsparks wurden angeblich mal von einer alten Dame verklagt, weil ein Walking Act für eine Pause in einer Seitenstraße den Kopf der Micky Maus-Figur abgenommen hat. Illusion zerstört, das Enkelkind erlitt ein Trauma, bei den klagefreudigen Amerikanern klingelten die Dollarzeichen in den Augen. Eine der grundlegenden  Rollen am Theater: immer in der Rolle bleiben. Auch beim Abgang von der Bühne. Baron Cohen gab reichlich Interviews zu seinem aktuellen Film, doch stets in der Rolle des Admiral General Aladeen. Egal ob Pressjunket, Pressekonferenz, TV-Auftritt- Aladeen erscheint in voller Montur. Reporter haben aufgegeben an dieser Fassade bei Baron Cohen zu rütteln, sein Improvisationstalent und seine Schlagfertigkeit sind schwer zu knacken. Aktuell weilt der Diktator in Cannes (auch wenn sein Film dort nicht gezeigt wird). Das mondäne Hotel Carlton hat man mit ein paar Handgriffen in eine würdige Wadiya-Residenz umgebaut, vor der es sich ordentlich repräsentieren lässt:

 

Quellen verknüpfen

Früher war man glaubhaft, wenn es einen Wikipedia-Eintrag über die Person gab. Doch durch extensives PR-Spindoctoring und neurotische Wikipedia-Überwacher, die nur durchgehen lassen, was sie selber kennen, hat sich die Wissensplattform ein wenig abgenutzt. Nur was auch in Querverweisen existiert, hat eine Chance auf Täuschung. Fährten, die nur von einer Quelle ausgehen, werden schnell als Fake identifiziert. Gelungene Idee: Air Baltic hat Direktflüge von Riga nach Wadiya im Angebot. Da man von Riga nach Aladeen City direkt über Tel Aviv flöge, macht man lieber einen Bogen in der Streckenführung. Die folgende Karte wurde auf der Seite von Air Baltic veröffentlicht. Am 1. April. Sie freuten sich über einen exklusiven Aprilscherz, der Diktator über Direktflüge nach Riga (gibt es da etwas zu erobern?!).

 

Glaubwürdigkeit erzeugen

Was ist schon wahr in Zeiten von Photoshop?  Logisch: Was in den Nachrichten gezeigt wird, ist wahr! Auch das galt einmal, die Dämme sind gebrochen (Prosieben sendete Nachrichten für den Serienauftakt  der Mysteryreihe Fringe) Und übrigens „Doktor Best“ ist ein Schauspieler und das mit dem wissenschaftlichen Fortschritt aus der NASA-Weltraumforschung seit der Teflonpfanne ein überlebtes Argument. Aber Video lässt sich doch nicht so einfach fälschen? Found Footage, also Material das man zufällig aufgenommen hat und dabei Mysteriöses oder gar die Wahrheit herausfand, galt lange Zeit als hip: von Blair Witch Project über Cloverfield, von Troll Hunter bis aktuell zu Sönke Wortmanns Das Hochzeitsvideo landet diese Behauptung von wahrheit immer wieder im Kino.

Man muss also nah an das Volk, und nutzt dafür ebenso Ambientmarketing wie Hacks. Ein kleines Spektakel veranstaltete der Herrscher von Wadiya zur im März zur Internationalen Tourismusmesse ITB in Berlin. Auch wenn der Admiral General Aladeen seinen persönlichen Besuch absagte und stattdessen seinen Pressesprecher schickte, war die Verwirrung perfekt. Und wirklich: die ITB hat Wadiya einen Stand vermietet, in Halle 26 stand die von außen unscheinbare Jurte mit protziger Innenausstattung. Doch damit nicht genug: ein nahe gelegener Imbiss wurde zur Botschaft von Wadiya umfunktioniert. Und von dort startet ein Trupp aus Militär-Blaskapelle mit falschen Bärten,  eine Kamel-Karawane in Wadiya-Landestracht, sowie Militärfahrzeuge zu einer spontanen Parade über den Messedamm. Die Messebesucher staunten nicht schlecht, auch wenn am Ende nur der zersauste und verwirrte Pressesprecher des Admiral General in Form von Olli Schulz das herrlich unterdrückte Land repräsentierte. Und das ausgerechnet neben den rund 50 gemieteten Jubelpersern, dem dem Festzug einen jubilierenden Empfang bereiteten, ein Stand von Amnesty International steht, war glückliche Fügung. Und der Umzug zeigte Wirkung: ich habe ein paar Passanten über ihre Meinung zu Wadiya und den Diktator gefragt. Die Antworten waren einstimmig: nach Wadiya sind  sie bisher nicht gereist, aber wenn man da immer so schöne Umzüge macht, wollen sie da unbedingt mal hin. Schließlich hat man ja auch schon Urlaub in anderen besetzten Ländern gemacht oder komme aus der DDR. Dass man auf der Messe alles mitnimmt, was nicht niet- und nagelfest ist, versteht sich von selbst. Und so wedelten im Laufe des Tages viele Kinder mit Wadiya-Flaggen über das Messegelände, Neugierige blätterten in der Landesinformations-Broschüre und staunten über das Sandmuseum oder das Museum für Toleranz (Kein Eintritt für Frauen, Behinderte und Juden), manch Durstiger labte sich an einem kleinen Fläschchen Wasser, das großmütig von Wadiya Travel verteilt wurde- inklusive Reisehinweis. Ein paar Impressionen des ITB-Messehacks gibt es hier im Video:

 

Geschichte schreiben – Mythos aufbauen

In der Werbebroschüre breitet der Admiral General die Hintergrundgeschichte des Landes Wadiya aus: von der Gründung des Landes über die Stammesgeschichte bis zur Etablierung seiner Person in allen wichtigen Ämtern. Die Prämisse bleibt die Grenzen der Realität zu verschieben, aber stets so, dass das Gezeigte immer noch im Rahmen des Wahrscheinlichen bleibt. Vieles davon haben wir schon so oder so ähnlich gelesen und scheint möglich, auch wenn mitunter bizarr wird. Merke: wer keine Geschichte hat, besitzt auch keine Identität.

Durch seine wiederholten „zufälligen“ Auftritte festigt Admiral General Aladeen sein Gedankengut und Handeln. Und die speichelleckende Presse hat nichts eiligeres zu tun, als dies zu verbreiten. Jüngst erreichten mich eine Serie von Paparazzi-Fotos, bei der Admiral General Aladeen und George Clooney-Ex Elisabetta Canalis in flagranti auf einer luxuriösen Yacht am Hotel Du Cap in Cannes erwischt wurde. Doch sind diese skandalösen Paparazzi-Shots mehr als eine Foto-Lovestory. Bei der Entsorgung von Elisabetta ist Aladeen nicht so zimperlich wie George Clooney. Seht selbst:

öffentliche Auftritte in den Medien

Ohne Öffentlichkeit keine Propaganda. Ohne Medien kein Hype. das weiß auch das Informations- und Propagandabüro von Wadiya. Dazu gehörte nicht nur Präsenz auf dem Roten Teppich zum Verstreuen der Asche von Kim Jong Il bei den diesjährigen Oscarverleihungen- mit werbewirksamen vorherigem Protest der Academy. Auch wurde der Admiral General nicht müde durch die einschaltkräftigen Talkshows zu exzellenzieren. Der deutsche Auftritt bei TV Total scheiterte ein wenig am wenig schlagfertigen und schlecht vorbereiteten Moderator Stefan Raab. Aber die Interviews mit Larry King und der Auftritt bei Saturday Night Live suchen ihres gleichen. Wer traut sich sonst Martin Scorsese zu entführen und mit Stromschlägen zu malträtieren, weil sein letzter Film Hugo Längen aufwies:

 

 

 

KÜR: Augenzwinkern

Richtig gut wird für mich der Fake mit dem Augenzwinkern, dass man nicht genau weiß, was Realität ist und wo man auf die falsche Fährte gelockt wird. Wenn der subtile Humor die geistreiche Pointierung trifft. Wenn man die Übertreibung zur Persiflage werden lässt. Unangefochten bleibt da für mich Banksy – Exit through the gift shop, eine vermeintliche Dokumentation von und über den genialen Streetartist Banksy. Vieles des Gezeigten ist unglaublich, doch nachvollziehbar. Und irgendwann wird es mit dem Alter Ego Mr. Brainwash fantastisch. Man weiß, dass Banksy einen auf die Schnippe nimmt, doch kennt man die Schwelle nicht. Dieser fein nuancierte Witz, gelebt und zelebriert in allen fünf oben beschriebenen Punkten war ein echtes Meisterstück, der Banksy mit seinem Debut bis zur Oscarnominierung für den besten „Dokumentarfilm“- und dem damit verbundenen Ärger seiner Anonymität – gebracht hat.

Wer es direkter und voll auf die Zwölf mag, wird am Diktator sicher seine Freude haben- am Starttag den 17. Mai 2012, nicht zufällig der sogenannte Herrentag, sicherte sich Aladeen den besten Start des Jahres. Und treibt seitdem sein Unwesen in den deutschen Kinos (in 2D). Weitere Informationen gibt es natürlich auf der offiziellen Webseite von Wadiya .

 

Der sagenhafte Sacha Baron Cohen kehrt zurück auf die Leinwand und wieder einmal kümmert er sich herzlich wenig um die Grenzen des guten Geschmacks: DER DIKTATOR erzählt – politisch völlig unkorrekt – die heldenhafte Geschichte eines Machthabers, der um jeden Preis verhindern will, dass sein schönes Land, welches er voller Hingabe unterdrückt, ins Chaos der Demokratie gestürzt wird. Nachdem Admiral General Aladeen (Sacha Baron Cohen) nach Amerika geladen wird, um sein nukleares Atomprogramm zu rechtfertigen, wird er in dem von ihm liebevoll titulierten „Geburtsort von Aids“ kurzerhand gekidnappt und durch einen ihm zum Verwechseln ähnlich sehenden Ziegenhirten ersetzt. Der Diktator findet sich daraufhin schutz- und obdachlos in New York wieder, bis er auf einen „kleinen Mann“ trifft, der, wie sich herausstellt, die Besitzerin eines veganen Öko-Ladens ist und ihm Asyl schließlich bietet… doch Admiral General Aladeen duldet kein Asyl… sondern will seine 14-stündige Rede vor den Vereinten Nationen halten!

Der Stoff basiert auf dem Roman „Zabibah and the King“ (mal wieder eine Ente, Anmerkung des Autoren), der zunächst anonym veröffentlicht worden war, dann aber als literarisches Werk des ehemaligen irakischen Despoten Saddam Hussein enttarnt wurde. Eine Paraderolle für den Briten Sacha Baron Cohen, der bereits als kruder kasachischer Journalist „Borat“ im gleichnamigen Kinoerfolg das Publikum mit intelligentem Humor zum Johlen brachte – und wenig später als schwuler österreichischer Fashion-Experte „Brüno“ für Lachanfälle und volle Kinosäle sorgte. DER DIKTATOR vereint Baron Cohen einmal mehr mit dem originellen Autor und Regisseur Larry Charles („Seinfeld“), der bereits bei „Borat“ und „Brüno“ Regie führte. Neben Baron Cohen, der einst im britischen Fernsehen als „Ali G.“ bekannt wurde, sind Anna Faris („Scary Movie“) sowie Oscar®preisträger Sir Ben Kingsley („Hugo Cabret“) und John C. Reilly („Der Gott des Gemetzels“) in den Hauptrollen zu sehen.

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